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Rübenach hat mit
170 Menschen (gefallene und vermisste Soldaten an den Fronten des 2.
Weltkrieges sowie durch Bomben und Luftminen getötete Zivilisten) einen
hohen Blutzoll entrichtet.
Die letzten Monate
vor Kriegsende waren in der Eifel und Westerwald durch große Schrecken
innerhalb der Bevölkerung gekennzeichnet, da von Hitlers
Vergeltungswaffe (V 1; „Eifelschreck“) ausgemacht hatten und
Bombardierungen zu erwarten waren. Über Rübenach hinweg “tuckerten“
diese „ersten Raketengeschosse der Militärgeschichte“, einen
unheimlichen Schweif hinter sich herziehend, gen London. Zum Schutz
dieser Abschussrampen, aber auch zum Schutz der Koblenzer Brücken,
waren, als großer Gefahrenpunkt für den Ort, in und um Rübenach
zahlreiche Flakbatterien stationiert.
Noch größer wurden
die Nöte, als die Abschussrampen beweglich bzw. transportabel geworden
waren und die V 1 zeitweilig aus dem Rübenacher Wald abgefeuert wurde.
Aber alle diese letzten Aufbäumversuche (schließlich auch die V 2)
konnten bekanntlich das Kriegsglück nicht mehr wenden.
Das in den Tagen
der Kapitulation dem Ort größere Opfer oder gar eine Katastrophe erspart
blieb, dürfte vor allem dem damaligen Bürgermeister Anton Alsbach zu
verdanken sein. Der heute über Achtzigjährige (Stand 1975) schildert
nach seiner Erinnerung in einem persönlichen Gespräch die heiklen
Stunden so:
Die deutschen
Truppen waren in den ersten Märztagen 1945 vor den nachdrängenden
Alliierten über den Rhein zurückgeflutet. Soldaten gab es in Rübenach –
außer einem, vom dem noch die Rede sein wird – nicht mehr. Der
Volkssturm trat nicht mehr in Tätigkeit; er hatte schon nichts gegen das
Öffnen der die Straßen verbarrikadierenden Panzersperren unternommen
bzw. dabei sogar noch geholfen.
8. März 1945 Ab etwa 2 Uhr nachmittags lag Rübenach unter Artillerie-
und Panzergrandfeuer. Mit noch größerer Heftigkeit schossen andere
Batterien über den Ort hinweg. Die Menschen lebten in den Kellern. Aus
Westen und Süden waren die Truppen herangekommen und vom Rosenborn und
vom Bassenheimer Weg her in den Ort gedrungen. Punkt 4 Uhr nachmittags
erschien der erste Panzer in Rübenach; es war das Kommandantenfahrzeug
und hielt gegenüber „Bäckandunne“ in der Nähe vom „Buur“. Über einen
Lautsprecher, den man hätte kilometerweit hören können, vernahm man
plötzlich: „Bürgermeister raus! Bürgermeister raus, sonst wird das Dorf
in Schutt und Asche gelegt!“ Bürgermeister Alsbach, der sich in seinem
Dienstzimmer in der Alten Schule aufhielt, band ein weißes Tuch an einen
Besenstiel, schritt die Backesgasse herunter und machte bei dem
Kommandanten die Meldung, dass er das Dorf kampflos übergebe, worauf
augenblicks und in Sekundenschnelle das Feuer eingestellt wurde.
... Kommandant, Bürgermeister und ein hinzugetretener Dolmetscher gingen
dann gemeinsam aufs Dienstzimmer, wo ein Ortsplan mit allen Straßen
gezeichnet und jeder Straße einen Panzer zugeteilt wurde, dem der
Bürgermeister einweisen musste. Diese Aktion zog sich bis halb sieben
hin. Dann wurde Herrn Alsbach der Auftrag erteilt, im Ort bekannt zu
machen, dass Rübenach zum Kampfgebiet erklärt sei und niemand die Straßen
betreten dürfe, ausgenommen in der Zeit von 11 – 1 Uhr zum Einkaufen;
wer sonst außer Haus erscheine, werde erschossen. Herr Alsbach wollte
den Ausscheller rundschicken, worauf ihm bedeutet wurde: „Nein, sie
müssen gehen selber in jedes Haus, selber mit Dolmetscher!“ Nun begann
also diese Aktion. Nachdem man beim 8. Haus war, waren auch 8 Flaschen
Wein geleert und die Fortsetzung unmöglich. Alsbachs Vorschlag, je einen
Mann aus jeder Straße zur Übernahme und Weitergabe der Meldung zu
beordern , wurde angenommen.
*
Bei
diesen Verhandlungen kam plötzlich aus stockdunkler Nacht der Ruf: „Ist
hier der Bürgermeister von Rübenach? Ich war der Meinung das unsere
Soldaten zurückkämen!“ Es war ein deutscher Flaksoldat mit Karabiner und
einem nagelneuen Fahrrad. Der Dolmetscher ergriff beides und schlug’ s
auf dem Pflaster in tausend Teile. Beim Landwirt Peter Müller,
Bubenheimer Straße, beschlagnahmte er eine Leine, fesselte den
Gefangenen und brachte ihn zum Kommandanten, der im Hotel „Zum rotem
Ochsen“ Quartier bezogen hatte.
Es
war nunmehr 1 Uhr nachts. Der Bürgermeister bat, nach Hause gehen zu
können und um Legitimation oder Ausweis. Darauf wurden zwei Mann mit
aufgepflanztem Seitengewehr herbei befohlen, um ihn bis an seine Haustür
zu begleiten. Unterwegs am Gasthaus „Zum Schiffchen“ hob einer der
Soldaten den Kanaldeckel hoch und ließ den nahezu 2 Meter großen Mann in
die Kanalöffnung hinab, worin er bis zum Kopf verschwand. Ein Soldat
hielt mit aufgepflanztem Seitengewehr neben dem offenen Loch Wache,
während der andere in die genannte Wirtschaft retirierte.
So
blieb die Lage bis viertel vor fünf; dann wurde er herausgezogen,
weitergeführt und zu seiner Haustür hineingestoßen.
Am
anderen Tag, morgens um 8 Uhr, machte Alsbach von dem Vorfall Meldung
beim Kommandanten, der ihm mitteilte, dass er die beiden Soldaten schwer
bestrafe.
Inzwischen hatten die Truppen Koblenz erobert, wobei Rübenach nochmals
unter Beschuss lag. Nach 3-4 Tagen wurden die Kampftruppen abgelöst und
der Ort bekam einen ständigen Kommandanten. Er beschlagnahmte das Haus
von Jakob Zerwas (im Volksmund „Alscheids Jakob“, Jahnstraße – heute
Florianstraße) für seine Kommandantur. Nun gab’ s viel Arbeit. Als
erstes verlangte der Kommandant 50 Betttücher, ferner – vielleicht ein
Zeichen für die besondere Sauberkeit der Amerikaner – 30 Papierkörbe,
die kaum im Dorf aufzutreiben waren und Wein, Wein, Wein. Es gab
Requirierungen und Registrierungen und nach etwa 5 Tagen hatte sich die
Lage in Rübenach derart normalisiert, dass die Bevölkerung wieder ihr
gewohntes Leben führen konnte.
*
An
dieser Stelle muss noch ein Abschnitt eingeflochten werden, der sich mit
einer länger zurückliegenden Sache beschäftigt, die aber jetzt der
Situation des Dorfes sehr zustatten kam:
Im
Sommer 1944 waren über Rübenach mehrere Flugzeuge abgeschossen worden
und 7 tote Soldaten (2 Engländer und 5 Amerikaner) zu begraben. Laut der
Verordnung über den „totalen Krieg“ mussten derartige Leichen am Ort und
Stelle verscharrt werden. Bürgermeister Alsbach jedoch beerdigte sie auf
dem Rübenacher Friedhof, ließ von Kriegsgefangenen Polen die Gräber
schaufeln und bestattete unter Polizeiaufsicht die in Kisten und Säcke
verpackten Körper, indem er einige Gedenkworte sprach und am Grab ein
Vaterunser betete. Er hatte vorher eine Skizze angefertigt über die
Gräber, darauf Namen und Erkennungsnummern eingetragen usw.
Diese
„heimliche Beerdigung“ kam der Parteileitung zu Ohren; darauf trat in
Rübenach ein hohes Parteigericht zusammen mit dem Gauleiter an der
Spitze und Alsbach wäre sicherlich nicht am KZ vorbeigekommen, wenn
nicht der Kreisleiter Cattepoel für ihn eingetreten und so lange (unter
Aufbietung aller Kräfte und Gründe) für ihn gesprochen hätte, bis die
Sache schließlich auf sich beruhen blieb.
*
Den
Amerikanern war die beschriebene Aktion des Bürgermeisters bald
irgendwie zu Ohren gekommen und nicht zuletzt ist es diesem Umstand –
der also seinerzeit gezeigten menschlichen Haltung Alsbachs – zu
verdanken, dass das Besatzungsregime für Rübenach sehr glimpflich
verlief. Mit der Verwaltung hatte sich bald ein geradezu
freundschaftliches Verhältnis herausgebildet, was sich vor allem in der
Versorgung Rübenachs sichtbar niederschlug. Während die Dörfer rundum
hungerten, wurden in Rübenach jedem Bäcker wöchentlich 30 DZ Mehl
zugeteilt, die die Rübenacher Landwirte in Ehrenbreitstein in Empfang zu
nehmen und zu transportieren hatten. Rübenach war während dieser Monate
gut versorgt.
Bürgermeister Alsbach blieb bis Ende April im Dienst und stellte dann
auf eigenen Wunsch sein Amt zur Verfügung. An die Stelle der Amerikaner
traten nun französische Besatzungstruppen, deren politische Einstellung
(alle aus der Resistance kommend) allgemein bekannt war. Dennoch:
Während die alten Bürgermeister allerorten mancherlei Repressalien
erdulden mussten, blieb Alsbach weitgehend von allem verschont. Zwar
hatte er einige Schikanen und denuntiatorsche Anfechtungen zu bestehen,
die allerdings zu banal sind, das man sie hierher
schriebe, es sei denn, man sähe die Verurteilung zu 2000 Mark Geldstrafe
und eine mehrwöchige Ausgangssperre wegen einer Lappalie, für die er
nicht die geringste Verantwortung hatte, als schwerwiegend an. Er blieb
ansonsten unbehelligt.
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Wenn
es dazu noch eines Schlusssatzes bedürfte, dann wäre es vielleicht
dieser: Menschlichkeit zahlt sich immer irgendwie aus; zwar verlor auch
Bürgermeister Alsbach im Krieg einen Sohn, aber vor dem allerschlimmsten
Unglück blieb er und seine Familie bewahrt. Denn größten Gewinn dürften
die Rübenacher Mitbürger erlangt haben durch sein menschliches
Verhalten, seine in stillen Stunden getroffene Gewissensentscheidung,
dem Amtseid getreu und wiederum „untreu“. |