Rübenacher kämpfen gegen Windräder

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Im Stadtteil will die Firma Prokon drei Anlagen errichten – Kommunalpolitiker wehren sich vehement

Rübenach. Prokon ist laut eigenen Angaben die größte Energiegenossenschaft Deutschlands. Insgesamt 365 Windenergieanlagen hat die Firma bereits in Betrieb genommen. Geht es nach Prokon, könnten in Rübenach in absehbarer Zeit drei 220 Meter hohe Windräder dazukommen. Geht es nach einigen Rübenacher Kommunalpolitikern, werden die Windräder auf keinen Fall gebaut.
Sie befürchten dadurch mehr Lärm, Eis- und Schattenwurf, Lichtbelastung durch die Positionslichter, eine Verschandelung des Landschaftsbilds, eine Einschränkung der Frischluftzufuhr und damit auch negative klimatische Veränderungen. Kurzum: eine deutliche Verschlechterung der Wohnqualität, eine Wertminderung der Immobilien und Vermarktungsschwierigkeiten bei Baugrundstücken. Prokon werfen sie vor, dass die Firma mehrere Monate mit Grundstückseigentümern über eine Verpachtung verhandelt hat, ohne dass Stadtverwaltung und politische Gremien informiert worden seien.

Der Zusammenschluss der Kommunalpolitiker ist überparteilich. Die Fraktionssprecher im Ortsbeirat von CDU (Martin Monjour), SPD (Christian Franké) und Grünen (Reinhard Alsbach) gehören dazu. Ebenso die Stadträte Monika Sauer, Andreas Biebricher (beide CDU) sowie Marion Lipinski-Naumann und Fritz Naumann (beide SPD). Sie stellen klar: „Für uns in Rübenach ist das Maß endgültig voll. Wir sind doch nicht der Schuttabladeplatz für ganz Koblenz.“

Der Stadtteil sei bereits eingekreist von den Autobahnen A 48 und A 61 mit der entsprechenden Lärm- und Abgasbelastung und von der L 98, auf der täglich rund 12 000 Fahrzeuge mitten durch den Ort fahren. Dazu kommt das weiter wachsende Industriegebiet an der A 61. Und dann noch drei 220 Meter hohe Windräder? „Das machen wir nicht mehr mit“, heißt es aus Rübenach. Dort erinnert man sich noch gut daran, wie sich vor 16 Jahren fast der gesamte Ort gegen ähnliche Pläne gewehrt hat – und das erfolgreich. Die Kommunalpolitiker stellen klar: „Wir werden auch diesmal entschlossen gegen den Wahnsinn vor der eigenen Haustür kämpfen. Niemand von uns hat etwas gegen Windkraft, aber 220 Meter hohe Anlagen in unmittelbarer Nähe machen uns die Lebensqualität in Rübenach kaputt.“

Verärgert sind sie vor allem darüber, dass Prokon offenbar mehrere Monate mit einigen Rübenacher Grundstückseigentümern verhandelt hat, ohne Verwaltung und Gremien zu informieren – was vielleicht nicht die feine Art ist, aber auch nicht verboten. Dabei haben nach RZ-Informationen einige der Grundstückseigentümer Ende 2019 beziehungsweise im Frühjahr schon Vorverträge unterschrieben, die ihnen eine jährliche Pacht von bis zu 13 000 Euro einbringen würden.

In diesen Gesprächen seien die Grundstückseigentümern von Prokon in die Irre geführt worden, sagen Monjour, Franké und Alsbach, die Fraktionssprecher im Ortsbeirat: „Ihnen wurde suggeriert, dass das Projekt von der Stadt gewollt sei und die Umsetzung quasi schon fest stehe.“ Den Eigentümern sei vorenthalten worden, dass mit dem Projekt bei Politik und Verwaltung „eben nicht offene Türen eingerannt werden“. So sei verschwiegen worden, dass die Fortschreibung des Flächennutzungsplans noch aussteht. Zudem würden die Grundstückseigentümer über die wahre Dimension und Belastung für Rübenach im Unklaren gelassen.

An jene Grundstückseigentümer gewandt teilen die Kommunalpolitiker mit: „Sie müssen in Ihre Gesamtrechnung einbeziehen, dass Ihre Häuser und Grundstücke schlagartig ein Mehrfaches der jährlichen Pacht an Wert verlieren können.“ Auch für den Naturschutz könnten „erhebliche Konsequenzen drohen“, etwa für die heimischen Vögel, Zugvögel und das Naturschutzgebiet „Im Otter“. Zudem würde die landwirtschaftliche Nutzfläche weiter reduziert. Auch würde der Flugverkehr beeinträchtigt (Flughafen Winningen und Bundeswehrzentralkrankenhaus) sowie der Rübenacher Modellflugplatz gefährdet.

Für die Politiker steht fest: „Hier ist also gar nichts klar und schon gar nicht gewollt.“ Sie fordern: „Die Windkraftbetreiber sollen sich lieber Flächen suchen, die weniger konfliktreich sind und nicht einem ganzen, ohnehin schon belasteten Stadtteil und seinen Bürgern die Lebensqualität nehmen.“ Sie bitten Stadtrat und Stadtverwaltung um Hilfe und Solidarität, um eine „wahre Katastrophe für unseren Ort abzuwenden“.

Frank Hastenteufel, Leiter des Amts für Stadtentwicklung und Bauordnung, bestätigt auf RZ-Anfrage, dass Prokon zunächst „ohne Abstimmung mit der Stadt auf Flächen verhandelt hat, die erst im Vorentwurf des Flächennutzungsplanes als vorgeschlagene Sonderbauflächen enthalten sind“. Dieser Vorentwurf sei zwar im Beschlussturnus für das frühzeitige Beteiligungsverfahren gewesen. Dann aber hätten die Grünen das Verfahren über „umfangreiche Änderungsanträge zunächst einmal angehalten“.

„Für uns in Rübenach ist das Maß endgültig voll. Wir sind doch nicht der Schuttabladeplatz für ganz Koblenz.“
Überparteilicher Widerstand gegen das Windratprojekt wird laut.

Die Verwaltung habe im März „zufällig von privater Seite erfahren, dass es Eigentümergespräche gab, bei denen bereits konkrete Pachtangebote mit Standortplänen offeriert wurden“. Zudem hätten Versammlungen von Prokon mit Eigentümern am 22. und 23. Juni stattgefunden sowie auch danach noch regelmäßig. Die Firma hatte auch den Rübenacher Ortsvorsteher Thomas Roos kontaktiert und um ein kurzfristiges Gespräch gebeten. Das sagte dieser dann aber nach Rücksprache mit der Stadt ab, da Rübenach als Stadtteil keine eigenständige Gemeinde ist und bei einem Projekt dieser Tragweite die Stadt Ansprechpartner sein sollte.

Hastenteufel teilt weiter mit: „Nachdem wir von den Verhandlungen erfahren hatten, haben wir der Firma Prokon mehrfach angeraten, jetzt noch keine Grunderwerbsverhandlungen zu führen, da die Planung von neuen Windenergieflächen in Rübenach noch lang nicht beurteilungs- und planreif ist.“ Trotz einer Zusage von Prokon, dass man noch keine Fakten schaffen und sich „selbstverständlich mit der Stadt zu gegebener Zeit abstimmen wolle, haben dann die Eigentümerversammlungen in Rübenach stattgefunden“.

Auf RZ-Anfrage bestätigt ein Prokon-Sprecher, dass die Firma in Rübenach den Bau von Windenergieanlagen plant. Auf dem Gebiet seien drei Anlagen möglich, die Gesamthöhe von etwa 220 Metern sei realistisch. Der Sprecher bestätigt auch die Gespräche mit Rübenacher Grundstückseigentümern: „Da der Prozess von der Flächenfindung bis zur Errichtung oft mehr als fünf Jahre andauert, und eine Vielzahl von kostenintensiven Gutachten nötig ist, ist es gängige Praxis, die Flächen frühzeitig (und vor der Konkurrenz) zu sichern.“

Prokon habe auch Kontakt mit der Stadtverwaltung aufgenommen, nach RZ-Informationen am 25. Mai. Den Vorwurf, die Firma habe die Grundstückseigentümer im Unklaren gelassen über den noch ergebnisoffenen Planentwurf des Flächennutzungsplans (FNP), weist der Sprecher zurück: „Wir sind stets offen damit umgegangen, dass es sich um eine Fläche handelt, die im Rahmen der durch die Stadt Koblenz beauftragte Potenzialstudie Wind ermittelt wurde.“ Übrigens als einzige Fläche in ganz Koblenz mit Potenzial für Windräder. Der Prokon-Sprecher sagt weiter: „Wir haben jedoch nicht kommuniziert, dass der Flächennutzungsplan abgeschlossen wäre.“

Rhein Zeitung – 07.09.2020

1 KOMMENTAR

  1. Es ist doch immer wieder erfrischend, wie sehr wir doch zukunftsweisend und gleichzeitig mitfühlend für unsere Mitmenschen denken und handeln. „Strom aus der Steckdose“, der nirgendwo eingespeist werden muß – das wär doch was , oder? Der Kühlturm des AKW Mülheim-Kärlich wurde medienwirksam zum Einsturz gebracht. Dass dazugehörige Atom- oder Kernkraftwerk steht noch und soll ebenfalls irgendwann weg. Kohlekraftwerke und großflächigen Braunkohleabbau möchten wir in und um Rübenach auch nicht. „Windräder vor der Haustür… das geht ja gar nicht“, so die Aussage einiger weniger Rübenacher. Tja… dann wird es langsam aber eng, mit dem Strom aus der Steckdose. Für Stromerzeugung aus Wasserkraft hätte auch der versiegte Anderbach nicht genügend Kraft bringen können. Hmm… dann blieben ja nur noch großflächige Solarparks übrig, die nachts leider gar keinen Strom erzeugen. Wenn wir die dann aber auch nicht wollen, gehen wir zurück in die Steinzeit, oder wie?
    Oder ist uns unsere Umwelt und damit unsere Zukunft egal, oder reicht es uns, wenn „Andere“ unsere Stromerzeugung vor der Haustür haben und mit tollen Strommasten kreuz und quer übers Land schicken? Gibt es eigentlich eine belastbare Statistik darüber, wieviele Rotmilane gegen Überland-Strommasten knallen und verenden im Verhältnis zu Windrädern? Das wäre doch sicher auch mal interessant zu wissen.
    Rudolf Kowalski

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