Der Kirchenstreit zu Rübenach 1866

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von Hans Gappenach

Die Einwohner von Rübenach haben in den letzten Dezennien, ja im ganzen letzten Jahrhundert, wenig örtliches Geschichtsbewusstsein entwickelt. Grund dafür mag sein, dass in den Jahren des Wachstums – der wirtschaftliche Aufschwung zeigte sich schon an der äußeren Ausdehnung – kaum Zeit für rückwärts gerichtete, historische Besinnung bleibt.

Dabei hat Rübenach eine Geschichte, wie kaum ein zweiter Ort im umliegenden Raum: In verhältnismäßig vielen Urkunden und auch zu sehr früher Zeit – damals in der alten Schreibweise Rivinacha oder Rivenacho – taucht der Name auf. Dies kommt vor allem durch das dort befindliche große Hofgut der Trierer Abtei St. Maximin, hängt aber dann auch damit zusammen, dass eine Vielzahl von Adelsgeschlechtern (Grafen von Luxemburg, von Dietz, von Nassau, von Sponheim, von Schönberg, von Eppstein, von Virneburg u. a.) die Patronatsrechte ausübten, bis schließlich im 14. Jahrhundert Ort, Vogtei und Kirche an das Eltzer Geschlecht kamen, das dann mit einem Zweig besonders eng mit Rübenach verknüpft blieb.

Das Mauritius- und Maternuspatrozinium deutet schon auf eine sehr frühe christliche Gemeinde, sicherlich jedoch führt es in die vorgottnische Zeit. Eine Urkunde aus dem Jahre 775 erwähnt eine Kapelle, die Karl der Große dem Kloster Herfeld schenkte; mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit ist hier Rübenach gemeint. Der erste  unbezweifelbare Beleg stammt aus dem Jahre 888, nach dem König Arnulf Grundherrschaft mit Kirche und Zehntrecht der schon genannten, damals noch freien Reichsabtei St. Maximin zu Trier übereignete.

Und dennoch, hie und da wurde eine Spur von geschichtlichem Selbstbewusstsein spürbar; Anwandlungen von Stolz gingen beispielsweise durch die Bürgerschaft, als im Jahre 1939 bei den Vorarbeiten zum Autobahnbau Koblenz-Trier große fränkische Gräberfelder angeschnitten und dann systematisch ausgegraben wurden. Auch das Datum des riesigen Brandes im Jahre 1841, bei dem das halbe Dorf eingeäschert wurde, ist den Älteren noch gegenwärtig.

Ein ähnliches wichtiges Ereignis – der Generation vor uns noch Erzähl- und Erinnerungsgegenstand – war der Streit im Jahre 1866, der der vorliegenden kleinen Studie den Namen gab.

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Die alte Pfarrkirche zu Rübenach

Wie schon angedeutet, hatte Rübenach ein sehr altes Gotteshaus. Urkundlich ist 1062 ein Neubau nachweisbar. Und wahrscheinlich war das die Kirche, die bis 1866 erhalten blieb. Man hat sie sich als eine kleine romanische Kapelle vorzustellen. In den mittelalterlichen Visitationsurkunden werden immer Klagen laut über ihren schlechten Zustand und vor allem darüber, dass sie zu klein sei. Erhaltene Bilder zeigen auch  ein durch mehrfache Erweiterungen und hässliche Anhängsel entstelltes Bauwerk. Von jenem Kirchlein – stände es heute noch, wäre es sicherlich vor allem wegen der merkwürdigen Gewölbe baugeschichtlich ein einzigartiges Denkmal – heißt es in den entsprechenden Stellen der Literatur „… wurde, von Ortsbewohnern zerstört, obwohl die Erhaltung angeordnet war“. Der Sachverhalt dieses nüchternen Satzes hat in den letzten Jahrzehnten allerlei Ausschmückungen erfahren; Unrichtiges schlich sich ein und sollen hier die Hergänge anhand alter Quellen oder nach den Überlieferungen im Volksmund zurechtgerückt und der Wahrheit gemäß geschildert werden.

In den Jahren 1862 bis 1866 hatte die Gemeinde unter beträchtlichen Opfern und ohne irgendwelche finanziellen Hilfen ein großes Gotteshaus im neugotischen Stil errichtet. Behördlicherseits sollte der alte Bau (ob als Denkmal oder welchen Gründen auch immer), erhalten werden, wiewohl er den Friedhof beträchtlich verengte und besonders vom Dorf her den Blick auf die neue Kirche, die nur wenige Meter dahinter lag, versperrte. Das waren die Gründe, mit denen die Obrigkeit von der Bürgerschaft in immer neuen Eingaben bestürmt wurde. Es schien auch so als habe man Erfolg, denn es hieß, die Niederlegung werde genehmigt, zumal Mobiliar; Einrichtung, selbst noch die Glasfenster, in die neue Kirche überführt worden waren; wahrscheinlich war die Sache Gegenstand langwierigen Behördentauziehens. Zur Selbsthilfe kam es aber erst, als das Gerücht umging, die alte Kirche würde renoviert und Andersgläubigen zur Verfügung gestellt. Diese Parole war sicherlich lanciert, denn es gab damals nur Katholiken am Ort. Daraufhin jedenfalls schritten eine Reihe von Jugendlichen (es sollen  ein Dutzend oder auch mehr und sie sollen ausnahmslos aus der ehemaligen Backesgasse gewesen sein), mit Werkzeugen und Laternen bewaffnet, am Abend des 2. November 1866 zur Tat. Man schlug auf der Mülheimer Seite ein großes Loch in die Wand, stieg so in die Kirche ein, riss fast das ganze hinterer Seitenschiff nieder, unterminierte Teile des Mittelschiffs und war gerade dabei, mit langen Rammbäumen und Eisenstangen die Hauptpfeiler einzustoßen, als der Bürgermeister – er wohnte im Eltzschen Haus – vom Bollern und Dröhnen geweckt, mit dem Pfarrer und Gendarm gegen Mitternacht auf dem Schauplatz erschien. Die Excedenten“ waren jedoch anscheinend rechtzeitig gewarnt, die Lampen im Nu gelöscht; alle konnten auf den Friedhof entweichen, wo wegen des Allerseelenfestes zahlreiche Dorfbewohner betend bei den Gräbern ihrer Angehörigen weilten. Selbst ein letzter Bursch, der, vom Bürgermeister Hubbaleck noch an der Joppe gepackt, einen falschen Namen genannt hatte, riss sich los; doch den, so meinte er, könne er anderntags wieder erkennen.

Das alles geschah an einem Freitag; seltsamerweise verlief der Samstag in völliger Ruhe. Am Sonntagmorgen sollte die Wiedererkennung in Szene gehen.

Nachdem der Pfarrer das Hochamt geendigt hatte, wurden alle Kirchentüren verschlossen, selbst – wohl ohne Wissen der Geistlichkeit – die Sakristei mit einem eigenes vom Glöckner requirierten Schlüssel. Dann ging der Bürgermeister durch den Mittelflur vor den Altar und befahl mit lauter Stimme, dass alle Frauen sofort nach Hause  gehen sollten, alle männlichen Kirchenbesucher müssten einzeln durch das Hauptportal ins Freie. Das murmeln über die pietätlose wurde zwar bedrohlich laut, dennoch schien es zuerst, als würde sich der Plan durchführen lassen. Der Bürgermeister mit Gendarmen an der Seite hatte sich vor der Kirchentüre aufgestellt, daneben standen der Herr Staatsprokurator und der Herr Untersuchungsrichter, die von der Regierung zur Aufklärung der Affäre nach Rübenach entsandt worden waren. Die Stimmung in der Kirche erreichte jedoch rasch den Siedepunkt. Bald gab es – ob aus Wut, Angst oder wegen des Gerüchtes, es seien größere Verhaftungen geplant – eine solche Stauung, dass das Kirchenportal (trotz dicker Eichenbohlen und schmiedeeiserner Beschläge) aus den Angeln flog und einem Ausfall ähnlich, die ganzen Massen nach draußen entlud, dabei über die staatlichen Aufsichtspersonen hinweggehend. Sie wurden mitgerissen und kamen zu Fall. Bürgermeister Hubbaleck hatte im letzten Augenblick die Gefahr erkannt und war rechtzeitig über die Friedhofsmauer in den neben liegenden Garten gesprungen, der lange Jahre danach seinen Namen als Spitznamen trug.

ruebenach_1863

Dorfansicht, wie sie sich für wenige Jahre dem Betrachter dabot (Zeichnung von J. Doetsch, 1863). – Der Große Westturm der neuen Kirche war zu dieser Zeit noch nicht fertig.

Der nächste Akt des Dramas begann noch am gleichen Tag und zu ihm kann ich aus eigener Familienüberlieferung beitragen, denn mein Großvater Johann Gappenach, war einer der wachhabenden Unteroffiziere jener Kompanie Soldaten, die – gerade aus dem Österreichkrieg siegreich zurückgekommen – zur Besatzung nach Rübenach kommandiert worden waren.

Als nach dem am Bröckerbach gegebenen Kommando: „ Scharf durchladen und entsichern!“ die 4. Kompagnie des Garde-Grenadier-Regiments „Königin Augusta“, dessen Garnisonsstadt zu dieser Zeit noch Koblenz war, unter dumpfem Trommelschlag kurz nach 5 Uhr abends in den Ort einmarschierte, da wurde es den Bewohnern doch etwas ungut zu Mute.  Am Denkmal instruierte der Hauptmann seine Soldaten, sie seien berechtigt, Verpflegung wie im Feindesland zu verlangen, eine Art Standrecht sei verhängt, Einwohner dürfen nicht in Gruppen beisammenstehen und bei Dunkelwerden bestehe Ausgangssperre.

Die Gemeinde hatte die Soldaten zur Strafe also voll zu beköstigen und Sinn der Besatzung war es , in der rebellischen Bürgerschaft Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, das vom Einsturz bedrohte Bauwerk bei Tag und Nacht zu bewachen und vielleicht auch Anstifter oder Mitbeteiligte ausfindig zu machen. Die Soldaten sollten deshalb alle, zehn bis zwölf Mann in jedem Haus in der Backesgasse einquartiert gewesen sein. Durch die Gespräche in den Familien glaubte man Hinweise zu bekommen.

Über das Verhalten der Soldaten sind die Überlieferungen etwas geteilt: Auf der einen Seite heißt es, das Verhältnis der Rübenacher zu den Okkupanten sei sehr gut gewesen, ja sogar drei Ehen seien gestiftet worden; auf der anderen, die Soldaten hätten die Bewohner absichtlich schikaniert; z. B. gutes Essen in den Schweinetrog geschüttet und besseres verlangt. Die erster Leseart wird kaum richtig sein, denn die Soldaten wurden im Verlauf der nächsten Wochen mehrfach gegen neue Einheiten ausgewechselt, damit ein genügender Abstand zur Einwohnerschaft gewährleistet blieb. Wenn sie auch sicherlich nicht allzu zu gerne zu Erbsen und Kommissbrot in die Kaserne zurückgekehrt sein dürften, so sprechen dennoch eine Reihe unschöner Vorkommnisse dafür, dass die zweite Version wenigstens dem Sinn nach die richtige ist. Dafür soll nur ein Beispiel hier zitiert sein:

Bei einer armen Witwe mit fünf Kindern, die ganz kleines Häuschen bewohnte mit Küche, zwei Stuben und einer winzigen Kammer, waren fünf Mann einquartiert worden. Der zweitälteste Sohn hatte aus irgendeiner Verärgerung mit den Soldaten einen Wortwechsel, was zur Bestrafung zu 25 Stockhieben führte, die sofort „durch zwei Grenadiere appliziert“ wurden. Die Witwe erhielt zudem noch zwei Mann zusätzlich ins Quartier.

In jedem Falle erwiesen ist allerdings, dass die Soldaten bald den Spitznamen „die Fressgard“ erhielten.

Die Besatzung blieb dreizehneinhalb Wochen im Ort. Während der ganzen Zeit liefen Untersuchungen und Verhöre. Die gesamte männliche Bevölkerung wurde zu je 50 Personen reihum nach den Hausnummern unter Androhung höchster Geldstrafen zur Vernehmung von den Ermittlungsrichter befohlen. Doch nichts brachte Erfolg Es soll lediglich zur Inhaftierung eines halbwüchsigen Mädchen gekommen sein. Die Bürgerschaft schwieg wie ein Grab und zeigte vielmals guten Gemeinschaftssinn, vor allem bei der Unterstützung ärmerer Familien, die die Soldaten nicht beköstigen konnten.

Eines Tages wurde schließlich die Besatzung zurückgezogen. Selbst hierbei gab es noch eine unerquickliche Szene: Beim Abmarsch der Kompagnie stand am Ortsausgang der Koblenzer Straße ein Mann vor seinem Haus und muss wohl seiner Freude allzu Ausdruck verliehen haben – auch das Wort „Fressgard“ wurde dabei gehört – jedenfalls befahl der Kommandeur, den allzu Gesprächigen zwischen die Soldaten einzureihen und so musste er wohl oder übel, wie er gerade war, in Holzpantinen bis Koblenz klappern; dort erst ließ man ihn laufen. Dem Hauptmann hat die Sache allerdings eine strenge Rüge und eine Belehrung über Freiheitsentzug eingebracht.

Der Abbruch der alten Kirche erfolgte wenige Wochen danach im kommenden Frühjahr. Bei der Sprengung des Turmes gab es beinahe noch einen Toten: durch einen zu früh losgehenden Schuss wurde G. Fey (seine Überlieferungen können als wichtige Quelle zu vorliegender Studie angeführt werden), schwer verletzt.

Der Bürgermeister, über dessen äußerst unglückliche Art in der Behandlung der Angelegenheit kein Zweifel bestehen kann, soll später irrsinnig geworden sin. Ob das die Folge des Kirchensturzes war, bleibt dahingestellt. Sicherlich jedoch eine Folge und eine neuerliche Bestrafung für Rübenach war die bald darauf (1867) angeordnete Verlegung des Bürgermeisteramtes von hier nach Weißenturm.
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