Die Anfänge des Christentums in Rübenach

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von Hans Gappenach

Wenn es um die Christianisierung eines bestimmten Gebietes oder gar eines Ortes geht, liest man in den Heimatgeschichten zumeist sehr euphemistische Darstellungen mit legendenhaften Verbrämungen.

Über diese Anfänge fließen kaum irgendwo die Quellen; man sollte so ehrlich sein, es  zuzugeben. Dennoch finden sich manchmal ganz unscheinbare Hinweise, die es zu registrieren gilt. Für unser Gebiet kann der Ort Rübenach einige solche kleine Einzelheiten beisteuern und steht damit auf einem etwas sicheren Boden. Wir verdanken diese Ergebnisse den Ausgrabungsbemühungen auf dem alten Merowingischen Friedhof (1939/40 und 1966), die seit kurzem jedermann zugänglich sind durch die geradezu epochale Monographie von Neuffer-Müller/Ament. Da diese so wichtig für die Geschichte von Rübenach ist, seit gestattet, etwas weiter auszuholen:

Der fränkische Friedhof von Rübenach stellt  (neben Krefeld-Galepp) der einzige seiner Art im Rheinland dar, der bislang systematisch ausgegraben werden konnte. Deshalb ist der Wert dieser Untersuchung auch als exemplarisch zu veranschlagen. Andererseits befinden sich nur ganz wenige Orte im Lande in einer derart bevorzugten Lage, soviel Gesichertes über die Siedlung ihrer Altvorderen zu wissen.

Obwohl alle Auswertungen archäologischer Befunde (zumal wenn verhältnismäßig wenig Vergleichmöglichkeiten vorhanden sind) mit großer Vorsicht betrachtet werden müssen, so darf nach der Berechnung Aments gesagt werden, dass die Früh-Siedlung Rübenach in den Jahren 480-675 n. Chr., während denen der Friedhof (mit etwa 1130 Gräbern) belegt worden ist, durchschnittlich 180 Einwohner hatte; bei gesonderter Betrachtung der einzelnen Belegungsphasen kann man noch konkreter errechnen, dass die Einwohnerzahl von anfangs etwa 180  bis auf 240 gestiegen sein muss.  Dieser Tatbestand führt, auf die Siedlungsgeschichte bezogen, zu dem Schluss, dass Rübenach von Anfang an ein Dorf war. Auch die Anlage des Gräberfeldes um ein so genanntes „Herrengrab“ herum (ein Reitergrab, bei dem das Tier wahrscheinlich gewaltsam getötet worden ist und dessen Silber beschlagenes Zaumzeug noch z. T. geborgen werden konnte), lässt vermuten, dass ein dem merowingischen Adel zuzuzählender Grundherr hier gesiedelt und den Ort nach der Völkerwanderung (als Vorläufer des heutigen Dorfes) damals begründet hat.

Diese Ereignisse decken sich mit den Untersuchungen Paulys über die Frühgeschichte der Pfarrorganisation, der von völlig anderen Ausgangspunkten zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt.

Die Vielzahl der Einzelheiten die das über 300 Seiten starke, großformatige Buch  ausbreitet, kann hier nicht auch nur annähernd berührt werden. Eine wäre so interessant wie die andere: Die Pferdegräber, die von einem Tieranatomen untersucht worden sind; die Münzbeigaben, die ein Numismatiker analysiert; die Röntgenfeinstrukturuntersuchungen, vorgenommen von einem Spezialisten, an den Farbresten, die sich an Tongefäßen fanden; die Holzuntersuchungen an Objekten, die dies ermöglichten; die vielen Geräte des täglichen Gebrauches aus den Grabbeigaben (Schalen, Kannen, Becher, Henkelkrüge, Schüsseln, Flaschen aus Ton und Glas); die Waffen der Männer (Schwert, Lanze) und die Schmuckstücke der Frauen (Ringe, Ohrgehänge, Perlen, Ketten, Fibeln, Schnallen) bis hin zu ganz speziellen Fundstücken, etwa einem römischen Augenarztstempel und einer keltischen Silbermünze.

Die auf diese Art gewonnen Einblicke lassen sich zu einem recht genauen Bild der alten Siedlung Rübenach zusammenfügen, obwohl nur 30% der Gräber ungestört waren und die weitaus größere Zahl die vieles verwischenden Spuren von Grabräubern aus den verschiedensten Jahrhunderten zeigen, die es in der Frühzeit vor allem auf Waffen und wertvollem Schmuck abgesehen hatten.

Ein Fundgegenstand ragt nun aus der großen Zahl der Grabbeigaben heraus: Es sind Reste eines unscheinbaren Holzeimers, dessen Bronzebeschläge geborgen wurden. Ohne Übertreibung darf man sagen, dass dies das interessanteste Objekt der gesamten Ausgrabung darstellt, zumal bislang nur zwei zum Vergleich heranzuziehende, allerdings schmucklose Stücke in unserem Raum (Andernach und Soest) bekannt wurden.

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Die geborgenen Eimerreste aus Grab 225

Die Untersuchung ergab, dass es sich um einen zylindrischen Eimer gehandelt hat (Mündungsdurchmesser 32 cm), dessen Dauben aus 4-7 mm starkem Eibenholz bestanden, das zum ersten fest und dennoch leicht zu bearbeiten war, zum anderen von den Germanen aus kultischen Gründen bevorzugt wurde.

Auf die Einzelheiten: die Bänder, Randbeschläge, Eisenreifen, den mit Kreisaugen verzierten Henkel und seine Halterung braucht hier nicht im einzelnen eingegangen zu werden. Rundum lief ein mit kleinen Nägelchen befestigtes Hauptzierband; daran waren – 10 an der Zahl – 6,8 cm hohe, alle über der selben Form gepresste  dreieckige Bronzeplättchen angelötet, die eine menschliche Figur (in der Vorderansicht) zwischen zwei stilisierten Tieren zeigt: Auffällig die runden, weit geöffneten Augen, die Nase und der Mund; Bekleidungsstücke, aber auch der Nabel sind gut erkennbar; die Füße stehen in einer Winkelung nach außen, ebenso wie die Arme, bis  zum  Ellenbogen am Körper anliegend, nach außen gedreht werden; dreifingerige Hände tragen links ein vierblätteriges Bäumchen und rechts einen Stab mit Diagonalkreuz und Ringende.

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Rekonstruktion des „Rübenacher Eimers“

Frau Dr. E. Neuffer-Müller glaubt, bei vorsichtigem Abwägen allen Für und Wieders, in der menschlichen Gestalt eine Christusfigur (in Orantenstellung) erblicken zu können, die nach sumerisch-mesopotanischen Vorbildern zwischen zwei den Rachen aufsperrenden stilisierten Tieren steht.

Als ein Vergleichsstück lässt sich ein in Werden/Aller gefundenes Reliquienkästchen heranziehen, das in seiner Bestimmung eindeutig ist und dem ein ähnliches Bildchema, die Christusfigur betreffend, zugrunde liegt.

Zwar sind Eimer dieser Art, auch solche mit dreiecksverzierten, hängenden Bronzeplättchen von anderen Fundorten bekannt, dennoch gibt es eine direkte Parallele zum „Rübenacher Eimer“ bislang nicht. Frühere Christusdarstellungen allerdings, gefunden in Italien, ferner im burgundischen und langobardischen Siedlungsraum, lassen ganz ähnliche Einzelheiten erkennen: Großer Kopf mit Perlkranz, gespreizte Beine, waagerechte Armhaltung, Stab mit ringförmigem Abschluss und ein Bäumchen mit vier Zweigen in den Händen, auch die schon erwähnten stilisierten Tierformen. (Die beiden getragenen Gegenstände könnte man durchaus als Chi-Rho-Zeichen [rechts]und vierblätterigen Palmzeig des todbesiegenden Märtyrers [links]auffassen).

Wenn wir christliche Embleme (Kreuz o. ä.) vermissen, so ist dazu zu sagen, dass die Volkskunst damals sich mit den völlig neuen christlichen Gedankengut auseinandersetzen musste, „denn alle diesen frühen Bildwerke stammen aus einer Zeit, die mehr den Unheil abwehrenden zauberischen Sinn solcher Darstellungen sah als ihren religiösen Zusammenhang“.

Es war ein langwieriger Entwicklungsprozess, der Jahrhunderte dauert, bis es gelang, die Menschen von den heidnischen Vorstellungen zu lösen und für die christlichen Tugenden und Ideen aufzuschließen: Regino von Prüm berichtet in seiner Klosterchronik, dass 1018 die Menschen plötzlich während der Weihnachtsmesse von einem Taumel erfasst worden seien und sich hätten hinreißen lassen, im Altarraum heidnische  Reigentänze aufzuführen und dabei eine germanische Hochzeitsballade zu singen (mit dem Text: „Einstmals ritt Bowo durch den Wald den so grüne, führte aber heim Merswint, die schöne“). – Die alte Pferdebestattungen (auch z. T. die erwähnten Rübenacher Gräber) sind meist ohne Kopf vorgenommen worden, weil dieser gemäß der germanischen Sitte am Wohnhaus aufgehängt wurde zur Abwehr der Dämonen. Der Christianusierungsprozess hatte verständlicher maßen mit Hochzeiten und Rückschlägen zu rechnen.

Die fränkische Landnahme bereits war, nach dem Abzug der römischen Legionäre aus dem „Festungsdreieck Köln-Mainz-Trier“ eine sich über einen größeren Zeitraum  erstreckende Bewegung, wobei unser heutiges Wohngebiet „zur Brückenlandschaft für das innerhalb des fränkischen Reiches wirkende Kulturgefälle“ wurde. Die Bekehrung der Franken zum Christentum zeigt ebenfalls keine eindeutige aufwärts strebende Linie; denn schon die Gründung und Ausdehnung des fränkischen Reiches, die verschiedenen Teilungen unter die jeweiligen Söhne und schließlich der Verfall stellen einen sehr verwirrenden Geschichtsablauf dar: Während die Merowingerkönige Theuderich I. (511 – 534), Theudebert (534 – 548) und Theudebald  (548 – 555) dem neuen Glauben offen gegenüberstanden oder ihn zumindest respektierten, kam es unter König Chlotar I. (548 – 561) zu schweren Auseinandersetzungen. Sein Sohn Sigibert (561 – 575) bemühte sich wieder um ein gutes Auskommen mit dem Trierer Bischof Nicetius (537 – 566) und suchte vom Vater begangenes Unrecht wieder gutzumachen; er geleitete den Kirchenfürsten in Ehren aus der Verbannung zurück, in die er (560) fliehen musste, weil er König Chlotar wiederholt als „öffentlicher Sünder“ gebrandmarkt und exkommuniziert hatte. („Zu den Schwelgereien der noch übrig gebliebenen keltisch-römischen Einwohner hatten sich noch Laster der großteils heidnischen Eroberer gesellt“) So viel nur als kurzer Durchblick auf die merowingische Reichsgeschichte (der uns betreffenden Gebiete) während der zentralen Begegnungsperiode des Rübenacher Gräberfeldes.

Allgemein heißt es, die Franken seinen im 6./7. Jahrhundert zum Christentum bekehrt worden. Die Urkunde von 775 nennt bereits eine „capella“. Diese kann mit Sicherheit nur der Abschlusspunkt einer über einen langen Zeitraum hinziehenden Entwicklung sein, bei der Antike, Germanentum und Christentum in unserem heutigen Lebensraum sich wechselseitig durchdrangen. Die alten Reihenfriedhöfe wurden schließlich nicht mehr benutzt und die Toten im Bereich der Kirche bestattet, wobei im Falle Rübenach noch festzustellen wäre, dass die „capella“ wahrscheinlich bewusst in die unmittelbare Nachbarschaft des alten fränkischen Friedhofes gebaut worden ist.

Bei aller Vorsicht fragt E. Neuffer-Müller, ob es sich bei dem „Rübenacher Eimer“ nicht um ein Taufgefäß gehandelt haben könnte, ehe es das gemeinsame Taufbecken gab. Das Grab (Nr. 225) in dem er gefunden wurde, ist etwa 600 – 650 zu datieren und gehört damit zur jüngeren Belegungsphase des Friedhofes, während der – ebenfalls als christliches Merkmal zu sehen – eine deutliche Verminderung der Beigaben erkennbar ist und längst nicht mehr wie in der älteren Merowingerzeit jedem Toten die ihm nach einem festen Ritual zustehenden Beigaben mit ins Grab gelegt werden.

Wenn wir die vorgebrachten Einzelheiten, die sich zum größten Teil aus den Grabungsergebnissen auf dem hiesigen Frankenfriedhof herleiten, in einer Zusammenschau betrachten, kann der Rübenacher von heute hier gleichsam einen Blick in die Umbruchzeiten lange vor dem genannten frühesten Geschichtstermin (775) tun und gewissermaßen die ersten Spuren des Christentums bei seinen Altvorderen, die auf diesem Friedhof beerdigt liegen, erkennen, einen Blick in eine Zeit, in denen den Menschen ganz unvorstellbar Schweres abverlangt worden sein muss, sich nämlich zu lösen von ihren jahrhundertealten überkommenen religiösen Vorstellungen und sich zu jenen hinzuwenden, zu denen wir uns heute noch bekennen.
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