Kästchensparen macht in Kneipen wieder die Runde

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Ein Hauch Nostalgie in der Gastronomie: Wenig Prozente, dafür aber viel Geselligkeit

Von RZ Mitarbeiterin Katharina Demleitner

Koblenz. Einst waren sie in beinahe jeder Gaststätte zu finden, dann gerieten sie (beinahe) in Vergessenheit: Mehr oder weniger große Blechschränke bei der Theke, in die Gäste Kleingeld stecken können, und beim gemeinsamen Kästchensparen – abgesehen vom Ausschank – mehr Prozente bekamen als mit dem heimischen Sparstrumpf. Viele Wirte haben die Sparschränke mittlerweile entfernt, und auch die Zeiten hoher Zinsen sind lange vorbei. Doch gänzlich verschwunden ist das gemeinsame Theken-Sparen nie. Im Gegenteil: Es scheint, dass das gesellige Geldsammeln eine Renaissance erlebt.

40 Schlitze und dahinterliegende Kästchen hat der Schrank, der im „Dixi“ links an der Wand neben der halbrunden Theke hängt. In der Rübenacher Gaststätte, die eigentlich Brückerbach heißt, sparen Gäste seit 35 Jahren kleines und manchmal auch großes Geld. Elsa und Irene, Ingeborg und Monika, Thomas und Detlef, Fraenky und Mafi, aber auch UKW und EM steht auf den Schildchen unter dem Schlitz, durch den die Sparer Münzen und Scheine in die Kästchen stecken.

Lange Tradition im „Dixi“

„Früher war das Kästchensparen üblich, das gab es in jeder Kneipe“, berichtet Hans-Joachim Behner. Als er 1984 den Sparschrank anschaffte, trug der Wirt einer Nachfrage seiner Gäste Rechnung: „Die wollten das machen.“ Also installierte auch Behner den Blechkasten, der in den anderen der ehemals 14 Rübenacher Kneipen längst etabliert war, und meldete bei der Sparkasse die Spargemeinschaft Brückerbach an. So wanderte großes und kleines Geld, das übrig war, in die Kästchen. „Damals kam alle 14 Tage ein Mitarbeiter der Sparkasse und hat die Kästchen geleert“, erinnert sich der 64-jährige Behner. In ein Buch trug der Banker die Summen ein. Am Ende des Jahres wurde ausbezahlt: „Die Sparer freuten sich immer, denn kurz vor Weihnachten kann ja jeder ein bisschen Extrageld gebrauchen“, erzählt der Gastronom. Von den ersparten Zinsen spendierte der Wirt für alle ein gemeinsames Essen im „Dixi“.

Bei „Dixi“-Wirt Hans-Joachim Behner gehört das Kästchensparen seit 35 Jahren dazu – ein gemeinsames Essen am Jahresende inklusive. Fotos: Demleitner

Den Abholservice hat die Sparkasse inzwischen eingestellt. Behner zählt alle zwei Wochen selber, wie viel Geld die Gäste gespart haben, trägt alles säuberlich in ein Buch ein und zahlt die Summe ein. „Bei den meisten kommen zwischen 200 und 500 Euro im Jahr zusammen, bei einigen wenigen auch bis zu 4000 Euro“, weiß der Wirt. Die höchste Gesamtsumme ersparte die Spargemeinschaft Brückerbach 2017 mit mehr als 38 000 Euro. „Dafür gab’s dann 7,94 Euro Zinsen“, sagt Behner kopfschüttelnd.

Trotz der wenigen Prozente haben seine Gäste bis heute Spaß am gemeinsamen Kneipen-Sparen: „Hier ist das Geld weg, da kommt man auch bei einem Engpass nicht dran, und seit viele kein Weihnachtsgeld mehr bekommen, ist es eine willkommene Summe zusätzlich zum Jahreswechsel.“ Und das Essen, inzwischen mit musikalischer Begleitung, kommt nach wie vor richtig gut an. In den vergangenen beiden Jahren hat die Spargemeinschaft Brückerbach die Auszahlung um eine Tombola erweitert, unter anderem wurden Bilder von Stammgast und Hobbymaler Jürgen Müller versteigert und der Erlös – vergangenes Jahr mehr als 1000 Euro – dem Koblenzer Hospiz gespendet.

Rhein Zeitung – 13.03.2019

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